EU-Aktionsplan: Pragmatismus ist gefragt

Mit dem EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums werden wegweisende Impulse für die Zukunft des Finanzwesens gesetzt. Aber angesichts der Komplexität und der fehlenden Begriffsdefinition liegt es nahe, dass nicht alle Bausteine von Anfang an zusammenpassen und im Laufe der Zeit nachjustiert werden müssen.

Mit ihrem 2018 vorgelegten Aktionsplan will die Europäische Union die Finanzwirtschaft stärker in den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft einbinden. Im Zentrum steht ein einheitliches Klassifikationssystem (Taxonomie), mit dessen Hilfe identifiziert werden soll, welche Finanzanlagen künftig als nachhaltig bezeichnet werden können. Das erscheint sinnvoll, ist allerdings mit der Frage verbunden, von welchem Nachhaltigkeitsbegriff die EU ausgeht. Aus Sicht der Finanzbranche ist nachhaltige Kapitalanlage durch den umfassenden ESG-Ansatz (Environment, Social, Governance – Umwelt, Soziales, gute Unternehmens-/Staatsführung) geprägt. Das sieht grundsätzlich auch der EU-Aktionsplan so. Allerdings fällt auf, dass in der Umsetzungsplanung vor allem ökologische und insbesondere klimarelevante Betrachtungen im Vordergrund stehen. Diese Verengung wirft die Frage auf, ob das EU-Klassifizierungssystem tatsächlich alle Merkmale der nachhaltigen Kapitalanlage gleichmäßig erfasst. Das wäre jedoch in jedem Fall notwendig. Schließlich können Investoren nur bei einem umfassenden Nachhaltigkeitsbegriff sicher sein, dass ihre Finanzmittel auch vollumfänglich nachhaltig angelegt werden. Und genau darum geht es den meisten Anlegern. Marktzahlen und Umfragen zeigen jedenfalls, dass die Breite der Investoren nicht ausschließlich klimaspezifische Finanzprodukte im Blick hat.

Weiterhin erheblicher Klärungsbedarf

Oft und zu Recht wird die Unsicherheit bei der Begriffsdefinition von Nachhaltigkeit beklagt. Hier könnte das EU-Klassifizierungssystem Abhilfe schaffen. Soll die Taxonomie jedoch zu einem relevanten Leitsystem für Kapitalanleger werden, muss sie nicht nur alle Assetklassen, sondern idealerweise auch weltweit alle Anlageregionen möglichst vollständig abbilden. Denn der Markt für nachhaltige Investments ist global ausgerichtet. Offen ist aber die Frage, ob und in welchem Ausmaß außereuropäische Staaten und Firmen taxonomierelevante Daten freiwillig bereitstellen. Das ist sicher nur dann der Fall, wenn sie den europäischen Investmentmarkt und dessen Nachhaltigkeitsstandards für entsprechend wichtig erachten. Davon ist allerdings nicht ohne weiteres auszugehen. Bis dahin bleibt die Aussagekraft des europäischen Klassifizierungssystems regional begrenzt, und sollte aus diesem Grund zumindest vorerst nicht als Verpflichtung, sondern eher als Orientierung für Investoren aufgefasst werden.

Konstruktiv am Ball bleiben

Angesichts der hohen Komplexität des Themas und zahlreicher noch nicht beantworteter Fragen zum EU-Aktionsplan ist bei allen Beteiligten Pragmatismus gefragt. Damit die Standards, die nun auf EU-Ebene entwickelt werden, ausreichend Raum für Veränderungen und Innovation bieten können, dürfen sie sich nicht in Details verlieren. Was Asset Manager und Investoren angeht, so sollten diese im eigenen Verantwortungsbereich handeln und nicht auf die Umsetzung des Aktionsplans warten. In diesem Sinne müssen alle Beteiligten mit gewissen Unzulänglichkeiten leben, sie identifizieren und kritisch benennen. Zugleich aber gilt es, die Sache konstruktiv anzunehmen und sie sowohl ziel- als auch wirkungsorientiert weiterzuentwickeln.

Stand aller Informationen und Darstellungen:
08. November 2019, soweit nicht anders angegeben.